Julian Hein+ Your Authors @jhein Serial slacker, creator of pyjama driven entrepreneurship, founder of @netways & @icinga. Jun. 20, 2020 2 min read + Your Authors

Karstadt will 60 seiner 172 Filialen bundesweit schließen und bevor ihr jetzt alle auf Amazon oder die gierigen Vermieter schimpft, solltet Ihr folgendes wissen:

Karstadt hatte schon in den 90er Jahren massive finanzielle Probleme, aber (1/n)

... anstatt sich grundlegend zu ändern und schwierige Dinge wie langfristige Neu-Konzepte, besseren Service und interessante Kundenbindungsmaßnamen in Angriff zu nehmen, hat man nur Bilanzkosmetik betrieben. (2/n)

Der Konzern hat alle seine Immobilien verkauft und von den neuen Eigentümern zurück gemietet (Sell-and-lease-back). Dadurch hat man 10 Jahre in den Bilanzen wieder schöne Gewinne ausweisen können, obwohl das eigentliche Warenhausgeschäft weiterhin nur Verluste gemacht hat. (3/n)

Als netten "Nebeneffekt" haben dadurch die Investoren weiter ihre Dividenden und die Manager ihre Bonuszahlungen bekommen, obwohl sich substanziell rein gar nichts geändert hat. (4/n)

Diese künstliche Finanzspritze hat dem Unternehmen erlaubt in den letzten 30 Jahren den Kopf in den Sand zu stecken und sich nicht an die neue Situation in den Innenstädten oder das Thema Online Shopping anpassen zu müssen. (5/n)

Das ist außerdem der Grund, warum wir alle im Karstadt das angenehme Gefühl hatten, in unsere Kindheit zurückversetzt zu sein. Es hat sich ja nichts geändert. (6/n)

Da man aber eben nur an den Symptomen herumgedoktert hat, ist das Problem - quelle surprise - aber irgendwann in den letzten 2 Jahrzehnten zurückgekommen und jetzt hat eben die Coronakrise dem Patienten den finalen Todesstoß versetzt. (7/n)

Ein Komplettverlust der Einnahmen für 3 Monate lässt sich wahrscheinlich einigermaßen aushalten, wenn einem die Immobilien selbst gehören. (8/n)

Wenn man allerdings einen Vermieter hat, dem man, im Rahmen des Sell-and-lease-back vermutlich auch noch Mindesteinnahmen garantiert hat, dann sagt der zurecht "Bitch better have my money" und die Sache sieht anders aus. Sehr schade. (9/n)

So ähnlich funktioniert das übrigens auch bei vielen anderen börsennotierten Unternehmen: Anstatt in Modernisierungen oder Weiterentwicklungen, steckt man seinen Cashflow in den Rückkauf von Aktien des eigenen Unternehmens. (10/n)

Durch die künstliche Nachfrage steigt der Aktienkurs und, obwohl die Gewinne des Unternehmens gleich bleiben oder leicht sinken, geht dadurch die wichtige Kennzahl "Earnings-per-Share" nach oben. (11/n)

Beides freut die Aktionäre und sichert dem Management die Bonuszahlungen, da die oft an diese Zahlen gekoppelt sind. Aber wie bei Karstadt hat sich fundamental rein gar nichts geändert. (12/n)

Problematisch wird es aber bei einem Umsatzausfall, wie eben gerade durch die Coronakrise. Hätte man das Geld nicht für diese Bilanztricks ausgegeben, könnte man 3 Monate locker überstehen und wäre nicht auf Geld von Staat & Steuerzahler angewiesen. (13/n)

Indirekt haben wir alle damit die Kursgewinne, Dividenden und natürlich die Managergehälter dieser Firmen in den letzten 20 oder 30 Jahren mitbezahlt. Z.B. Airlines haben das gerne gemacht und teilweise bis zu 80% ihres Cashflows dafür aus dem Fenster geworfen (14/14)


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